Von der Destillation der Vegetabilien

(Pierre Jean Fabre, >Palladium Spagyricum<, Cap. 15, 1632)

 

Die Destillation der Vegetabilien ist eine Reinigung des solvierten Mercurii derselben von allen Teilen, welche der Natur derselben heterogenisch sind. Sie mag geschehen wie sie immer wolle, ob die reinen Teile durch die Wärme in die Höhe als ein Dunst hinauf, oder unterwärts per descensum als ein Dampf getrieben werden, oder ob der Körper, worin der solvierte Mercurius verborgen lieget, durch die Kälte comprimieret werde und die durch alle und jede Teile zerstreute Wärme des Mercurii, sich nach dem Centro ziehe, und nachdem sie durch alle und jede in eben diesem Centro vereinigten Teile größer und mächtiger geworden, die allersubtilsten Teile mit sich in die Luft nehme.

Und wenn diese mit der innerlichen Wärme abgesondert sind, wird das zurückgebliebene Wäßerigte congelieret, weil es ohne Geister ist.

Denn solange ein liquider Körper mit sehr vielen Geistern angefüllet ist, kann derselbe unmöglich durch die Kälte congeliert werden. Dies sieht man bei starken Weinen, welche niemals von der Kälte congelieret werden, solange die Weinischen Geister, womit sie angefüllet sind, in der Substanz derselben unverletzt conservieret werden. Verschwinden sie aber, wenn die Gefäße nicht gebührlich verschlossen gewesen, congelieret sich das, welches in denen Weinfässern zurückbleibet, und wenn es nach vergangener Kälte geschmolzen und in einen Liquorem gebracht worden, ist es nicht mehr Wein, sondern etwas Wäßerigtes, welches mit einer roten Weinfarbe tingiert ist, ganz unschmackhaft. Weil dieses denen Kaufleuten, welche Malvasier nach den Nordlichen Ländern bringen, oft begegnet, daß sie nämlich anstatt eines guten und starken Weins nur ein rotes Wasser bekommen, also haben die physischen Chymici, welche die Ursach dieser Verwandelung verstehen, eine Destillation der spirituosischen Substanz des Weins durch Hilfe der Kälte erdacht, welche alle, die eines scharfsinnigen Verstandes sind, leicht erlangen können, wie auch alle anderen Destillationes der übrigen Vegetabilien.

Denn weil die Destillation nur allein gebraucht wird, um diese spirituosische Wärme, welche den liquiden Substanzen der Vegetabilien innewohnt, zu erlangen und zu extrahieren, diese Wärme auch eben wohl von der Kälte, welche die Substanz derselben comprimieret, sowie auch von der verbrennenden und das Subjectum zerstörenden elementarischen Wärme in die Höhe getrieben und sublimieret wird.

Also folget, daß aus allen Säften dieses lebhafte Calidum, welches durch Hilfe der Kälte in denselben sich befindet, extrahieret werden könne.

Dieses zeiget die Natur an, welche allemal im Winter durch Hilfe der Kälte solches verrichtet, indem sie die Kräuter und etliche Bäume des Lebens beraubt, welches nicht geschehen würde, wenn nicht von der comprimierenden und condensierenden Kälte dieser lebhafte und spirituosische Saft aus seinem Subjecto in die Luft getrieben oder sublimieret würde.

Geschiehet nun dieses durch einen natürlichen Zufall alle Jahre, wie sollte dann auch nicht eben so wohl zu der Zeit wenn es stark frieret die Seele der Pflanzen und Bäume, welche nach der Luft sich begiebt, in einem gläsernen Gefäß zurückbehalten und zum künftigen Gebrauch conservieret werden können?

Bei allen Chymischen und anderen Philosophis ist es eine gewisse und ausge-machte Sache, daß die Extraction der Seele eines jedweden Mixti von der Action, welche diese Seele extrahieret und aus ihrem Sitz treibet, abhängt.

Ingleichen: daß alle oder eine jede Action von denen ersten Qualitäten abhänge. Und weil derselben 4 sind, welche von den ersten simplen und einfachen Körpern abhängen, also werden auch 4 Modi oder Arten sein, durch deren Hilfe wir diese Seele extrahieren können, jedoch auf eine Art besser und gemächlicher als auf die andere.

Aus diesen wird ein Liebhaber der Spagyrischen Kunst diverse Methoden zu destillieren erdenken und durch eine kluge Nachforschung sehen, durch welche aktive Qualität der Elementen gedachte Essenz am besten extrahieret werden könne. Denn durch die Wärme wird alles was in der Chymie verlangt wird commoder als durch die übrigen Qualitäten separieret. Die Wärme aber ist von vielerlei Arten, nach welchen auch allerhand diverse Destillationes geschehen.

Bei der Extraction der Essenz der Vegetabilien, nach der Putrefaction und Solution der fixen und spirituosischen Substanz derselben, muß keine starke, sondern eine gelinde Wärme gebraucht werden, als da ist die Wärme eines Bades, des Lichts und der Sonne im Sommer. Alle diese Wärmen können in demselben Grad mit Kohlen in dem Athanore, das ist: in dem geheimen Ofen der Weisen, erwecket, ja viel lauligter und schwächer von einem erfahrnen und klugen Chymico gemacht werden.

Ist also gleichviel durch was für ein Feuer gedachte Extraction geschieht, wenn solches nur temperiert ist.

Über das ist eine jedwede Seele der Vegetabilien, Animalien und Mineralien in der Destillation nicht fix und bleibend, sondern nur in ein sehr dünnes und subtiles Wasser congelieret, weswegen sie leicht durch ein starkes Feuer in einen Wind verwandelt wird, weil sie so gleich oder so geschwind in ein Wasser nicht condensieret werden kann wegen der continuierlich agierenden sehr starken Wärme, welche so viel Dünste, den einen über den andern erreget, so daß sie kaum in dem Destilliergefäß zurückgehalten werden können, daß sie nicht ausgehen durch Zerbrechung der Gefäße oder Eröffnung der Fugen, wie solches die, welche Branndtwein oder Aquafort destillieren gewahr werden.

 

Haben also die Lehrlinge der Chymischen Kunst große Ursach sich wohl vorzusehen, daß sie nicht ein starkes Feuer machen, damit sie nicht in der Luft suchen müssen, was sie in dem Bauch des Destilliergefäßes für gefangen hielten.