Über die Bedeutung von Spagyrik und Alchymie in der Naturheilkunde
von Peter Hochmeier
Das was der Mensch alltäglich übt, in großer Kunst und kleiner Geste, der Ausdruck, ist an sich schon Teil seines Wesens. Ein langer Blick nur kann eine noch viel längere Geschichte erzählen, ein
Zeichen mit der Hand über Leben und Tod entscheiden. Der Raum, vom Menschen bewohnt, spricht seine Sprache, die Art des Menschen offenbart die Entfaltung des Geistes in der Natur.
Ähnlich drückt sich die Pflanze aus, nur träumerisch und unbewußt. Still erzählt der Blick ihrer Blüte, ihr Standort ist der Raum, den sie bewohnt, und ihr Wachsen gibt Zeichen denen, die es
bemerken.
Wenn der Mensch auf die Pflanze trifft, dann hält er inne, um ihre Sprache zu verstehen. Er läßt ihr Bild wiederklingen in seinem Innern und beginnt sich zu erinnern. Und je mehr er fähig wird
sich zu erinnern an das große Einssein aller Geschöpfe, desto klarer spricht die Pflanze zu ihm vom Geheimnis der Freude, ein Teil des großen Kunstwerkes zu sein, ein Teil des Erdenkörpers und
damit auch ein Teil des Menschenkörpers.
Von Anfang an war der Mensch damit befaßt, die Erde zu bewohnen, als Gast, und sich von ihr zu lösen zu seiner Zeit. Und damit lebte er sich auch hinein in den erdhaft stofflichen Körper, und durch diesen hatte er zu handeln, mit den Dingen der Natur. Richtig gebraucht, förderten diese seinen Zweck, falscher Handel zog Krankheit und Leid an sich.
Dieses Urwissen setzt Begreifen, Verstehen des natürlichen Wesens voraus, was wiederum Innehalten und Wahrnehmen zur Grundlage hat. Das eben führt, mit Paracelsus´ Worten ausgedrückt, „zum
rechten Umgang mit den Dingen der Natur", welcher dem „Schauen im Lichte der Natur" entspringt. Den „Heilkundigen" - im Sinne der Natur - führt die Signaturenkunde zum „Schauen und Begreifen",
die Spagyrik zum „rechten Umgang" und das Verstehen zur hohen Kunst der Alchymie.
Vergebens wird man im späten Mittelalter, in der beginnenden Neuzeit die „große Zeit" der Alchymie suchen, die man, des umfangreichen Schrifttums halber, gerne in diese Epoche verlegen möchte. War doch schon damals, im Abendland, die „Kunst" oft nur mehr bruchstückhaft bekannt. Nur wenige Praktiker, wie Flamel, Paracelsus, Glaser oder Agricola konnten mit Kompetenz über die alchymistischen Arbeitsgänge sprechen, während die große Anzahl alchymistischer und pseudoalchymistischer Bücher, die seit der Erfindung des Buchdrucks in Umlauf gelangten, über die wahren Verhältnisse in diesen Jahrhunderten hinwegtäuscht. Während in weiten Teilen Asiens insgesamt die alten Wissenschaften noch in voller Blüte standen, waren sie in Europa schon großteils verfallen, der direkte Zugang zu ihren Tiefen und Werten verschlossen, und die späteren, neuzeitlich technologischen Errungenschaften vermochten das Trauma des Verlustes ganzheitlicher Kunst nicht zu lindern.
Etwaige Wurzeln der Alchymie verschwinden in der unauslotbaren Tiefe der Vergangenheit, bleiben aber dennoch stets lebendig, um immer wieder in verschiedenen Zeiten und Regionen der Welt, Blüten und Früchte hervorzubringen. Man kann diese Kunst des verantwortungsvollen Umgangs mit der lebendigen Natur und das Bestreben des Menschen, in ihr einen veredelnden Beitrag zu leisten, wodurch dann der „heilende" Aspekt hinzutritt, ohne weiteres als „Handwerk" bezeichnen. Die Alchymie selbst ist kein spiritueller Weg zur Gottfindung und schon gar nicht ein System magischer Praktiken. Sie befaßt sich nicht mit dem "Übernatürlichen", sondern eben mit den „natürlichen Dingen".
Zweck der Alchymie war stets die Veredelung im Sinne von Heilung, die es in jeder Hinsicht zu erreichen galt, betreffend den Menschen in seiner Ganzheit als auch alle anderen Reiche der Natur, Tiere, Pflanzen, Minerale und Metalle. Daß bei diesen Arbeitsprozessen dann dort und da Möglichkeiten zu stofflichen Transmutationen im Metallreich „am Wege lagen", ist in den unzähligen „Partikularwerken" dokumentiert und mancher Alchymist erlangte hierin auf gleichsam spielerische Weise, nur um „zu sehen ob es geht", gute Ergebnisse, welche allerdings selten den Aufwand lohnten. Agricola schreibt in seiner >Chymischen Medizin< (Leipzig 1638/39) einiges von solchen „Stücken", die er selbst praktizierte, ohne viel Aufhebens zu machen. Er belächelt dabei die „vielen Laborantes" seiner Zeit, welche wohl fast alle Dinge der Erde zu solchen Zwecken durchsucht und viele Instrumente erfunden haben, ohne aber nur annähernd das zu vollbringen, was die „Alten" (hier etwa Geber) „in nur einem Ofen" zustandebrachten.
Auch im Ayurveda war die Alchymie stets ein fixer Bestandteil der Heilkunst und nicht eine daraus gelöste, eigenständige Angelegenheit, und die Transmutation der Metalle gilt keineswegs als er-strebenswertes Ziel, wenngleich die Verfahren dazu bis heute überliefert sind. Im zwanzigsten Jahrhundert scheint alleine jene größere, dokumentierte Transmutation von Bedeutung gewesen zu sein, welche durchgeführt wurde, um dem Mahatma Gandhi Gold zur Finanzierung der Unabhängig-keitsbewegung, insbesondere für den Bau von Spinnrädern und das Salzprojekt, zur Verfügung zu stellen. In diesem Fall erachteten die Kundigen jene Anwendung hoher alchymistischer Prozesse als „karmisch vertretbar".
Die Umwandlung der „chemischen Elemente" in Natur und Labor ist heute, spätestens seit den Erkenntnissen aus der nanometrischen Forschung, eine bewiesene Tatsache. Was aber dann dort manchem als
neue Erkenntnis scheinen mag, ist nichts anderes als eine Bestätigung der Lehren uralter Traditionen, und was jene mit ungeheurem technischen Aufwand - und eigentlich „kunstlos" - vollbringen,
bedarf nach den letzteren „nur etwas Zeit".
Die wohl treffendste Erklärung für den Begriff „Alchymie" gibt Paracelsus mit: „Der rechte Umgang mit den Dingen der Natur". Er bezeichnet den „Weber, den Ackermann und den Rebenmann" genauso als Alchymisten wie den, im idealen Sinne iatrochymischen Arzt oder Heilkundigen, sofern sie aus der lebendigen Natur lernen und aus diesem Wissen veredelnd wirken.
„Es liegt soviel an der Alchymie, wegen der großen verborgenen Tugend in den Dingen der Natur. Die ist niemandem offenbar, es bringe sie denn die Alchymie hervor. Sonst gleichst du einem, der im Winter einen Baum sieht, kennst ihn aber nicht und weißt nicht, was in ihm ist - so lange, bis daß der Sommer kommt und eröffnet nacheinander jetzt die Sprößlein, jetzt das Geblüh, jetzt die Frucht und was weiter in ihm ist. So liegt die Tugend in den Dingen dem Menschen verborgen, es sei denn, daß er durch den Alchymisten derselben inne werde, wie durch den Sommer. Und das ist jene Kunst, ohne die alles andere ein Loch hat." (nach Paracelsus >Paragranum<)
Spagyrik und Alchymie sind im Großen und Ganzen zwei Worte für ein und dieselbe Sache. Einigen Unterschied mag es darin geben, daß mit Alchymie ein noch tieferer Einblick in das Wesen der Kräfte und Dinge, sowie anspruchsvollere laborantische Arbeiten assoziiert werden, als mit Spagyrik. Andere verbinden mit Spagyrik eine Art Pflanzen-Alchymie sowie einfache mineralische Arbeiten, während Alchymie für sie hauptsächlich mit dem Reich der Minerale und Metalle zu tun hat. Diese Unterscheidung wird jedoch dadurch relativiert, daß das Vordringen zum Wesen der Metalle heute eher chemisch als spagyrisch/ alchymistisch begriffen wird und das Übergießen eines reinen Metalls mit industrieller Säure kein alchymistisches Produkt ergibt. Andererseits sind uns von den „Alten" (Tölde, Kunckel, Paracelsus ...) Pflanzenarbeiten überliefert, die durchaus zu sehr hohen alchymistischen Präparaten führen. Der Begriff Alchymie kann unter anderem auch als in der Mitte zwischen den Begriffen Spagyrik und Hermetik befindlich assoziiert werden, wobei ersterer hauptsächlich Laborpraxis und Heilmittelfindung bezeichnet, während Hermetik das Naturverständnis und die Kosmologie der alten Traditionen einschließt, welches wiederum die Basis der Spagyrik bildet.
„Hermetisch versiegelt" ist dem Unkundigen die „Sprache der Natur" sowie die Zusammenhänge zwischen Kräftewirken und stofflichen Äußerungen. Das macht die Signaturenkunde zur (mit Paracelsus‘ Worten) „Kunst, ohne die alles andere ein Loch hat". Sie ist das Alpha und Omega der Heilkunst - ein Alpha betreffs der Befundung des Menschen und des Erkennens der Wirkkräfte in dem Pflanzen und Steinen - ein Omega in der „stimmigen" Zubereitung von Heilmitteln und in der „Ganzheitlichkeit" von Therapiekonzepten. Die Signaturenkunde - das Verstehen der Zeichen in den Dingen und Prozessen - ist Wegweiser in den Phasen des alchymistischen Werkes. Als „Verstehen der Sprache der Natur" ist sie schlechthin die naturgegebene Orientierungshilfe im „Umgang mit den Dingen der Natur".
Mittels spagyrischer/alchymistischer bzw. hermetischer Arbeitsgänge werden die subtileren Ausdrucksformen der Kräfte, welche in einem natürlichen Ding wirken, von ihrer grobstofflichen Erscheinungsform geschieden, gereinigt und wieder zusammengefügt. Von Phlegma und Schlacken befreit, erlangt man jene Teile oder Fraktionen, die gemeinhin als Sulfur, Merkur und Sal bzw. (nach der Scheidung der Elemente) als Erde, Feuer, Wasser und Luft bezeichnet werden. Das sind natürlich nicht die philosophischen Prinzipien oder Elemente selbst, sondern eben deren typische, in den Dingen verborgenen, Ausdrucksformen wie Wäßrigkeit, Dampf, Feuer, Rauch, Öl, Salz, etc. Im selben Verhältnis wie die Kräfte oder Prinzipien in der wachsenden Pflanze wirken, gehen sie in subtiler Form in die Arznei ein. Es werden dabei keine „Wirkstoffe herausgenommen", sondern das, aus der Natur genommene Ding seiner ursprünglichen Idee angenähert. Dem vergleichbar ist ein Gedanke der ayurvedischen Medizin, daß ein Mensch bei seiner Geburt mit vollständiger Idee, einem klaren Plan und einem ganzen Wesen in die Welt kommt und die „Krankheit" daher rührt, wenn er sich mehr und mehr von diesen Ausgangsqualitäten entfernt und in der Stofflichkeit verliert. Die buddhistische Ansicht, daß die tiefste Wurzel aller Krankheiten die Unwissenheit ist, bedeutet dasselbe. Nach Thurneisser entstehen spagyrische Arzneimittel „durch Reduction oder Wiederbringung eines jeden Dinges in seine Erste Gestalt oder in sein Erstes Wesen, ohne Mangel oder Ausbleibung einiges (von dem Ding), das vorhin dabei gewesen sei, doch nunmehr geistlich zu verstehen."
Im Ayurveda ist die alchymistische Erschließung der Heilkräfte aus Mineralen und Metallen seit Jahrtausenden vorgeschrieben und eine dementsprechende Zubereitung heute noch üblich. Das mag daran
liegen, daß Indien von manchen Verwüstungen des dunklen, „eisernen Zeitalters" (Kal-Yuga) verschont geblieben ist. Je nach Bedarf und dem Grad der Kunst werden hochwertige Bhasmas aus Mineralien
und Metallen zubereitet, und manche Rasa Shastris arbeiten „hoch hinauf", bis zur Fixation des Quecksilbers, oder zum „Großen Stein" - oft überraschend ähnlich in Verständnis und Verfahren, wie
in ältesten abendländischen Traditionen, was gemeinsame Wurzeln der Kunst in einem stimmigen Naturverständnis erahnen läßt.
Gerade die Alchymie enthüllt jene Einheit der Naturkunde, da sie zur Spitze des Berges vordringt, in der Kunde vom Wesen der natürlichen Substanzen, in deren Anwendung zur Heilkunst und besonders dann in der laborantischen Praxis der Aufschließung und Erschließung der Wirkkräfte. Wohl überall in der Welt hat das Wasser, der Alkohol, der Essig eine entsprechend nützliche, auflösende Kraft, das Mineral seine eigene Dichte oder Giftigkeit und das Feuer je nach Stärke seine Hitze. Überall wirken die Kräfte derselben Planeten, Gestirne und Elemente in den „natürlichen Dingen", den Pflanzen und Mineralen, in den Organen der Körper und schreiben ihnen ihre Signaturen ein. „Die ganze Kunst ist Mann und Frau", heißt es in der >Turba Philosophorum<, und weiter: „Die gesamte Natur besteht aus den 5 Elementen." Die Gelbheit und Brennbarkeit des Schwefels haben diesen wohl in jeder Ecke der Welt als einen Ausdruck des Feuerelements ausgewiesen, und der das Metall bearbeitende Schmied fand überall dieselben Gesetzmäßigkeiten vor, ob vor sechstausend Jahren in Zentralasien oder vor dreitausend Jahren bei den Erzminen im Harzgebiet Mitteleuropas. Um dann den „rechten Umgang mit den Dingen der Natur" zu erlernen, besuchten die Menschen seit Anbeginn die „Schule der Natur".
P. H.